Die Sprache hat auch schon über Kleinstkinder eine enorme Wirkung. Was wir jetzt lernen manifestiert sich in unserem kompletten weiteren Leben
Der Papi, die Mami oder Wie man die Hauptperson erfolgreich verbannt
Da ich auch viele Familien mit Kleinkindern betreue, fallen mir Ausdrucksweisen wie die folgenden zunehmen auf: „Die Mami muss jetzt schnell mal aufs Klo!“; „Heute gibt dir der Papa dein Fläschchen!“; „Mami hat jetzt zu tun!“
Du ahnst, worauf ich hinauswill?
Es geht um die Eigenanrede. Stell dir vor, du sprichst in der selben Art mit einem deiner erwachsenen Freunde, Bekannten oder im schlimmsten Fall mit deinem Vorgesetzten: „Sabine muss jetzt die Akten holen!“ Der Gesichtsausdruck deines Chefs in diesem Moment würde in jeder Sitcom glatt den künstlich eingeblendeten „Maximal-Lacher“ einbringen.
Erheitert dich diese Vorstellung?
Wie, denkst du, geht es dann wohl solcherart angesprochenen Kindern?
Kommentiert Sabine die eben zu Ende gegangene Besprechung mit ihrem Chef nicht wohl eher auf die Art? „In Ordnung, Chef, ich muss jetzt die Akten holen?“
Doch was unter Erwachsenen nur komisch oder vielleicht bloß huldvoll bedenklich klingt, hat bei Kindern noch einen ganz anderen dauerhaften Effekt:
Wenn Kleinkinder täglich mehrmals über Jahre hinweg ihre wichtigsten Bezugsmenschen im wörtlichen Ausdruck als „dritte Personen“ kennenlernen, werden diese Menschen auch nachhaltig als „dritte Personen“ in ihrer Wahrnehmung und vor allem in ihren kleinen Herzen eingebettet.
Für deine erwünschte Entspannung als Elternteil hat das alles natürlich noch eine andere, besonders gravierende Folge:
Kinder, die in ihrer Frühenetwicklung ständig nur Fremdformulierungen gehört haben, werden später vielleicht kaum noch auf „Ich“-Wünsche reagieren.
Baby-Gebrabbel oder Ob „Putzilein“ auch Normalsprache versteht?
Also, ich bin ja ein begeisterter Anwender der Normalsprache bei Klein- und Kleinstkindern. Sowohl bei den eigenen Kids wie auch bei denen, die ich zu betreuen habe. Das will heißen, dass ich mich einfach weigere, Babys im Besonderen und jungen Kindern ganz allgemein mit wesentlich anderem sprachlichen Ausdruck imponieren zu wollen, als ich es sonst so draufhabe.
Bei Kleinkindern habe ich mir angewöhnt, mit gesenkter, sogar mit fast flüsternder Stimme und vor allem langsam zu sprechen. Dadurch kann ich alles viel gefühlvoller und trotzdem differenzierter betonen.
Das erstaunliche, jedoch nicht unerwartete Ergebnis: die kleinen Stöpfel, egal welchen Alters, hören allesamt umso aufmerksamer zu, je leiser, aber auch je klarer ich mit ihnen Deutsch spreche. Probiere das ruhig einmal ganz bewusst!
Niedlich oder „inkompatibel“?
Dass die Babysprache von „ei ei dududu“ bis „Putzi-Baby“ bei Babys generell fehl am Platz sei, kann und will ich hier natürlich nicht einfahc kühn behaupten. Zumal neueste Forschungen eindeutig gegen meine Gewohnheiten und somit auch gegen meine sonst üblichen Empfehlungen an „meine“ Eltern sprechen: Die Forscher sagen nämlich: „… dass Babys es anscheinend schon viel lieber haben, wenn man mit ihnen in derselben Sprache spricht“- Dem „Baby-Gebrabbel“ also.
Mit der Betonung auf dem „Forschungsobjekt Baby“ ist ja ohnehin bereits vieles gesagt: „Putzi-Wutzi“ und Co. Gehören hernach also allein den Babys. Na gut! Dann also eben auch ihren Bezugspersonen.
Mein Plädoyer für die Normalsprache bei Kleinkindern ist natürlich auch aus zahlreichen praktischen Erfahrungen heraus nicht unbegründet. Denn meiner Wahrnehmung nach verfallen unzählige Erwachsene auch beim längst schon auf zwei festen Beinchen laufenden Kleinkind hilflos in die „Brabbel-Sprach“ und verfügen über die wundersamsten Vokabelsammlungen. Insgeheim aber wundern sie sich dann zutiefst, warum das so angesprochene Kind sie entgeistert anstarrt oder einfach nicht erwartungsgemäß reagiert. Oder es eben gar keine Reaktion zeigt!
Das kann sich sogar mitunter noch deutlicher ausprägen, wenn man später irgendwann dazu übergeht, ganz normal zu sprechen. Dann kann es natürlich wiederum ein Problem für den Sprössling werden, sich umzugewöhnen und auf umgangssprachliche Ausdrücke erwartungsgemäß zu reagieren.
Auf leisen Sohlen oder Das „Gute Nacht Geflüster“
Vor kurzen bei Familie Fellmer: Als ich zu einem Gespräch wegen schulischer Probleme der achtjährigen Melanie eintreffe, ist es bereits kurz vor 20:00 Uhr. Freudig begrüßen mich Melanie und Florian, ihr um ein Jahr älterer Bruder. Da die beiden mich vom ersten Gesprächstermin her kennen und auch meine nicht immer ganz ernsthafte Umgangsweise, liefern ich ihnen gleich an der Tür ihr Portion Blödelei. Doch wir dürfen den Augenblick nur kurz genießen. Sofort ist nämlich die Mutter zur Stelle: „Psst, seid doch leise!“, zischt sie hektisch, „der Kleine schläft schon!“ Und dem 9-jährigen Florian wirft sie einen wütenden Schwall Verantwortung hin: „Du weißt doch, dass ihr um diese Zeit nur noch flüstern dürft!“
Nicht nur Mama Fellmer unterliegt dem fatalen Trugschluss, dass man einschlafende Kleinkinder oder gar jene, die sich schon im Land der Träume befinden, möglichst nicht stören dürfe. Auch viele meiner Kollegen in den Kindereinrichtungen, in denen ich die Ehre hatte zu arbeiten, haben zur Zeit der Nachtruhe panikartig auf Flüsterton umgeschaltet. Selbst als ich mich später als pädagogischer Leiter auf meinen abendlichen Kontrollgängen, locker mit einem Mitarbeiter plaudern, den Kinderzimmern genähert habe, ist mir nicht selten von anderen Kollegen strikt das Word verboten worden: „Psst! Flüstern bitte. Sie wecken uns sonst die Kinder auf!“ Oft habe ich so etwas wie „Panik“ in deren Stimmen mitschwingen gehört. Und vor allem Anspannung. Angst vor dem nächtlichen Chaos, weil urplötzlich alle Kinder aufwachen könnten.
Schon damals, ohne an eine eigene Vaterschaft oder auch nur eine Sekunde lang an so etwas wie ein „KiddyCoach“- Projekt zu denken, habe ich instinktiv gewusst: Da ist etwas falsch! Aber es ist schwer unter jungen Pädagogen zu argumentieren, wenn man keine handfesten, am besten gleich wissenschaftliche Argumente hat!
Für dich, lieber Leser, hab ich solche allerdings schon parat!
Im Unterbewusstsein des schlafenden Säuglings wie auch des Kleinkindes laufen schon ab der Einschlafphase ganz natürliche Schutzprogramme im Gehirn ab: Das Gehör blendet Störgeräusche sehr effizient und nachhaltig aus! Das ganze Geschehen spielt sich sehr effizient als Grundfunktion im Großhirn ab. Nennen wir das einfach Wahrnehmungsverarbeitung. Übernehmen wir Außenstehende aber den Job dieses wunderbaren Programms, indem wir die Geräusche gleich selbst zurücknehmen und damit eben ausblenden, verlernt das junge Gehirn, dass es während des Schlafes seine natürliche Filterarbeit zu verrichten hat. Das könnten dann jene Kinder sein, welche später nachts alle paar Stunden gelaufen kommen, weil flatternde Vorhänge, tropfende Wasserhähne und jedes Rauschen oder Kratzen sie aufweckt. Vielleicht werden aus ihnen dann später sogar Erwachsene mit quälenden Schlafstörungen.
Artikel entnommen aus:
Entspannte Eltern - Glückliche Kinder
Stressfrei vom Kleinkind bis zur Pubertät
Verfasser:
14,3 x 21,5 cm
180 Seiten
EUR: 17,95 CHF: 31,50
ISBN: 978-3-8000-7381-8
Entspannt erziehen ist zu einem neuen Schlagwort geworden. Der Autor Gerhard Spitzer hat mit seinem ersten Buch und seiner tagtäglichen Arbeit als Kiddy-Coach schon vielen Eltern und Kindern geholfen. Seine Sichtweise lässt Eltern mit den Augen ihrer Kinder sehen und führt sie so zu den besten Lösungen. Wenn Eltern entspannt sind, dann wird auch die so oft gefürchtete Zeit der Pubertät zu einer glücklichen für euch und eure Kinder. Wie ihr das erreichen könnt, erfahrt ihr in seinem neuesten Buch.