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Geschwisterliebe

Wie teile ich mich durch zwei?

Schenke jedem Kind eine eigene Zeit, in der du nur für deinen Sohn oder deiner Tochter da bist

Lara, dreieinhalb, hatte die Faxen dicke. Das neue Baby in der Familie, Dorian, musste nie seinen Teller wegräumen, Dorian musste sich nicht alleine anziehen, Dorian wurden die Zähne mit einer Geschichte geputzt, Dorian durfte mit Papa allein im "Audiauto" fahren und Dorian durfte die ganze Zeit auf Mamas sicherem Schoß sitzen, wenn wir zu Besuch waren. Lara wollte auch wieder klein sein. Und das ausgerechnet heute, wo doch die von allen geliebte Tante Mo aus München angeflogen kommen würde und wir mit einer fast schon erwachsenen selbstständigen Tochter angeben wollten. Diese weigerte sich aber seit dem Aufwachen standhaft, sich anzuziehen, sich auch nur ansatzweise die Zähne zu putzen oder das Spielzeug wegzuräumen. Jetzt galt es schnell zu überlegen und zu handeln. Was sagte die Literatur: "Wenn sie klein sein wollen, geben Sie ihnen die Möglichkeit dazu, es wir sich schnell zeigen, dass das "Großsein" unterm Strich mehr Vorzüge bietet". Also baten wir Lara zu uns, um ihr die Konsequenzen des Kleinseins zu erläutern. Aber was ist schon der Unterschied zwischen zwei und dreieinhalb Jahren? Lara hatte exzellente Vorarbeit geleistet. Sie weigerte sich von Anfang an strikt, aus der Tasse zu trinken, solange Dorian aus der Flasche trinkt, sich selber anzuziehen, solange Dorian angezogen wird, und sich die Zähne selbst zu putzen, solange Dorian keine hatte. Abgerundet wurde das Ganze vom Zu-Bett-getragen-Werden, eben genauso wie Dorian. Die vor Monaten erfolgreiche Schnullerentwöhnung grenzt diesbezüglich an ein wahres Wunder. Also sogen wir uns Unterschiede aus den Fingern und gerieten dadurch in furchtbaren Streit ob des Sinns und der Erfolgschancen des Unterfangens. Ich ließ mich nicht beirren und erklärte Lara, dass dann alle Spielzeuge für große Kinder weggeräumt werden: das neue Puppenhaus, die Kasse, die Bücher mit Geschichten, die Puzzlespiele, die Walt-Disney-Filme. Und bei jedem Spielzeug nickt Lara freudig zustimmend. Aha, sie sah das Ganze also als ein Spiel an. Ich bat meinen Mann, sie zu wickeln, obwohl sie seit einem Jahr trocken war, während ich die Spielsachen im Büro stapelte. Sie ließ sich zu meinem Bedauern mehr als bereitwillig die Windeln anziehen und bemerkte leider völlig richtig, dass Dorian dann aber auch nicht mit den Spielsachen spielen dürfe. Ich war so froh gewesen, dass sie schon so groß war, und nun musste ich Monate zurückspulen. ich würde sie wickeln und liebevoll darauf bestehen, dass sie auch ihr großes Geschäft in die Windel macht, und hoffen, dass sie das eklig genug findet. Ich kündigte ihr an, dass sie, genau wie Dorian es morgens machte, allein im Kinderzimmer spielen würde, weil ich arbeitete und erst nachmittags Zeit für die Kinder hätte. Sie nickte und ich brachte sie ins Kinderzimmer, sie flötete noch "Tschüß Dori, Tschüß Papa" (Dorian sollte an diesem Tag mit Papa zum Doktor). Ich folgte ihr und kniete mich zu ihr hinunter. Die Zeit drängte, Papa sollte sie eigentlich mit in den Kindergarten nehmen. Und wenn der mal weg ist, ist er weg, und ich würde hier mit einer nörgelnden "Möchte gern Baby sein"- Dreijährigen sitzen, würde infolgedessen keinen Buchstaben tippen können, dafür mich selber gegen Mittag mit der Spachtel vom Boden kratzen.

Ich läutete die letzte Runde ein. Ruhig ließ ich mich auf Laras Augenhöhe herunter: "Also noch mal zum Verständnis: Du gehst nicht in den Kindergarten, du spielst hier allein, bis ich dich heute Mittag hole, du wirst nicht die Tante Mo vom Flughafen abholen, stattdessen machst du eineinhalb Stunden Mittagsschlaf, so wie Dorian." Kurze Pause, falls sie an dieser Stelle - hoffentlich! - etwas erwiedern wollte. Sie nickte lächelnd. Das Ganze schien ihr zu gefallen. Ich sah meine Felle davonschwimmen. Ich überlegte fieberhaft, was sie noch machte, was Dorian noch nicht machen konnte:"Du wirst nicht zu Nick zum Spielen gehen, denn das würde Dorian auch nicht machen"

Erwartungsvolle Pause. Aaha, hab ich da nicht ein kleines Zucken um ihre Mundwinkel entdeckt? Tuché. Ich wartete auf eine Reatkion und Lara enttäuschte mich nicht: "Okay, dann geh ich halt nicht spielen zu Nick." Okaaay, dann halt nicht, ich stapfte, tunlichst meine Wut verbergend, zur Tür und murmelte noch im Hinausgehen: "Dann kannst du auch nicht mit Tante Mo in den Erlebnispark, denn kleine Kinder haben da doch nichts davon." Türe zu. Hängenden Kopfes, geschlagen, erschöpft und gedemütigt schlich ich zu meinem Mann, der inzwischen ungeduldig und angezogen an der Tür stand, und gestand ihm mein Versagen. Vor meinem inneren Auge zogen meine friedvollen, ergiebigen, ob der himmlischen Ruhe Früchte tragenden Arbeitstunden ins Nirwana davon. Plötzlich tauchte Kara schnurrend zwischen meinen Beinen wieder auf, guckte mir fest in die Augen und verkündete: "Ich hab es mir anders überlegt. Ich will jetzt kein Baby mehr sein." Sprach's, räumte den Teller in die Küche, zog sich Schuhe und Jacke selbstständig an und winkte noch fröhlich beim Abschied.

Das Mama-Trost-Buch


Auch andere Mütter erziehen Monster ...

Verfasser: Yvonne de Bark

12,5 x 20,0 cm
208 Seiten - 30 s/w-Abbildungen
EUR: 17,95 CHF: 31,50

ISBN: 9783800073559

 
Liest man vor der Geburt seines Kindes Ratgeber über die wertvolle und pädagogisch richtige Erziehung des nahenden Nachwuchses, so ist man voll Vorfreude und bester Vorsätze, diese vielen klugen Tipps auch alle recht heftig anzuwenden. Doch die Realität ist eine andere! Die Autorin Yvonne de Bark schildert auf amüsante Weise die ganze Wahrheit über das Zusammenleben mit den lieben Kleinen und unterzieht die vielen klugen Tipps aus den Ratgebern dem ultimativen Härtetest.