Mütter wissen, dass Kinder in einem gewissen kleinkindlichen Alter zu den besten Apporteuren der Welt gehören
Sie holen der Mama alles und wenden so ihr angeeignetes Weltwissen über das Erkennen von Dingen an. Sie bringen alles. Außer essbare Dinge. Die lösen sich auf dem Weg zur Mutter auf wundersame Weise in Luft auf und übrig bleibt nur der Müll. Und Müll zu entsorgen ist bei Kleinkindern nicht programmiert. Übrigens auch nicht bei „Mittel-“ und schon gar nicht bei „Großkindern“. Müll wird von Kindern gerne dekorativ eingesetzt als Zimmerschmuck, Bodenbelag oder Tischverzierung. Dass es für Müll spezielle Behälter in verschiedenen Formen und Farben gibt, bleibt ein Leben lang ein gut gehütetes Geheimnis der Mutter.
Wenn die Sonne scheint und der Garten eine Oase der Erholung und Entspannung bietet, die Kinder fröhlich herumtoben und ihre Spielgeräte strategisch auf dem Grün verteilen, dann bietet es sich an, am Abend eine gro0e Kehrmaschine zu nehmen und alles wieder in eine versteckte Ecke hinter dem Brombeerstrauch zu schieben. Denn wie auch im Haus leiden Kinder unter einer voranschreitenden Amnesie und wissen nicht mehr, dass all die schönen Plastikschaufeln, Bobbycars, Bälle und Springseile einen vorgesehenen, regensicheren Platz besitzen, an den sie nach Gebrauch zurückgelegt werden können.
Entgegen dem Urinstinkt eines Affenbabys, sich nach der Geburt krampfhaft in das Fell der Mutter zu krallen und die Faust erst wieder zu öffnen, wenn es sich sicher fühlt, leiden die Verwandten aus den hoch entwickelten Industriestaaten unglücklicherweise unter einem gegenteiligen Reflex, der sie dazu zwingt, alles, was sie anfassen und in die Hand nehmen, plötzlich an anderer Stelle und egal, wo sie sind, fallen zu lassen. Und sobald der Gegenstand die Hand verlassen hat, ist er für sie nicht mehr existent, wird vergessen. So gelingt eine sukzessive Umstrukturierung des gesamten Haushaltes. Gleiches gilt auch für Kleidung. Diese unterliegt einem Phänomen, das renommierten Wissenschaftlern bis heute ein Rätsel aufgibt. Kinderkleidung entschwindet nämlich aus dem Bewusstsein und Wahrnehmungsbereich der Kinder, wenn sie einmal von dem kleinen Körper entfernt wurde. Sie verteilt sich völlig unstrategisch und rasend schnell im gesamten Wohnbereich, Büro und Küche nicht ausgenommen, und findet unter keinen Umständen mehr durch Kinderhand zurück in Wäschekorb oder Schrank.
Waschbecken stellen für Kinder lediglich Auffangbehälter für Zahnbürsten, Waschlappen, Seife und jede Menge Dreck dar. Sie müssen auch nie geputzt werden, das geschieht irgendwie ganz automatisch. Jede Woche nach einem dieser seltsamen Anfälle der Mutter, die man nur einfach stoisch über sich ergehen lassen muss, sind sie plötzlich wieder sauber. Ebenso wie Toiletten, Küchen und Kleiderschränke. Bis heute bin ich nicht dahintergekommen, wozu eigentlich Schuhschränke dienen…
Hat man frühzeitig den blauen Müllsack etabliert und dessen Funktion klar definiert, dann treibt schon dessen Anblick den Kindern den Angstschweiß auf die Stirn. Der Sack kommt nämlich immer dann, wenn Mama ihre Rappel bekommt, das mündliche Anordnen von Ordnungschaffen nicht fruchtet und sie zur Tat schreitet. Alles, was liegt und sich nicht an seinem angestammten Platz befindet, wandert in den Sack und verschwindet auf Nimmerwiedersehen bei den Olchis.
Staubsaugen eignet sich hervorragend für den großen Frühjahrsputz. Einfach alles liegen lassen, den Industriesauger der nahe gelegenen Autowerkstatt ausleihen, und in wenigen Minuten ist die Wohnung blitzblank. Der entstandene Schaden bleibt meist begrenzt auf die ohnehin pädagogisch unwürdigen Spielsachen der Kinder, die heulend versuchen, diese in Einzelteilen wieder aus dem Saugerauffangbehälter zu retten.
Das unaufgeräumte Kinderzimmer stellt für manche Kinder eine Art Labor dar, in dem man in Rue Experimente an Lebensmitteln machen kann. Das beliebteste Experiment ist das der mannigfaltigen Schimmelzüchtung in der Hoffnung, doch noch einmal mit einem gezüchteten Flaum reden zu können. Die dunklen Ecken des Zimmers und die Tatsache, dass die Mutter das Aufräumen aufgegeben hat und dass das Verbot, Essen mit aufs Zimmer zu nehmen, sowieso nicht interessiert, verwandeln das Kinderzimmer in einen Ort der chemischen Wissenschaft. Wußtest du, das der Schimmer auf alter Pizza nach genügend langer Zeit aus Langeweile Russisch lernt? Probieren Sie es aus.
Artikel entnommen aus
Mamas wissen mehr
Das schräge Fachwissen der Mütter
Verfasser:
12,5 x 20,0 cm
160 Seiten - 22 s/w-Abbildungen
EUR: 17,95 CHF: 31,50
ISBN: 978-3-8000-7455-6
Dieses Buch ist eine Hommage an die wahren Alphatiere der Gesellschaft. Die Autorin gestattet sich hier auf einfühlsame, ungeschminkte und knallharte Weise zu erörtern, welch wunderbares Wesen durch die Geburt eines Kindes entsteht. Nein, nicht das Kind. Die MUTTER. Kaum eine größere Wandlung macht die Frau im Laufe ihres Lebens durch, als wenn sie zur Brutpflegerin wird. Eine Trockenfutterkonsumentin wird zur Köchin, eine meinungslose Couchdellenverursacherin wird zum gefragten Internetratgeber in einschlägigen Foren und eine Hauptschulabgängerin kann plötzlich ihr Abitur nachholen. Denn: Mamas wissen mehr.