Stillhütchen sind keine Kopfbedeckungen, die man über Augen und Ohren zieht, um endlich seine Ruhe zu haben, sondern kleine (vorzugsweise Silikon-) Trichter, die man zum Schutz beim Stillen über die bereits fransig gekauten Brustwarzen stülpen kann.
Stilleinlagen sind keine besondere Form einer Kapitalbereitstellung eines Teilhabers in eine GmbH, sondern weiche, runde Lappen aus nahezu jedem hautfreundlichen, saugfähigen Material, die in den Still-BH gelegt werden, um die auslaufende Milch aufzufangen, kurz bevor die Brust explodiert.
Milchpumpen sind genau das, was ihre Nase verheißt. Sie pumpen die Muttermilch mit ekstatischen Zuckungen aus der Brust, wie die Melkanlage die leckere Milch aus dem prallen Euter der Kuh.
Wochenbett bedeutet nicht, dass man wochenlang im Bett liegt, sondern ist die viel zu kurze Zeit, in der sich der Körper der frischgebackenen Mama wieder einigermaßen von der Geburt erholen kann, und beschreibt die Zeitspanne von längstens einer Woche, während die gesetzlich versicherte Frischmutter in einem Krankenhaus ihre Wunden lecken darf.
Milchstau ist kein Verkehrchaos, verursacht von aufgebrachten Landwirten wegen zu niedriger Preise für Kuherzeugnisse, sondern entsteht, wenn die Brust nicht genügen geleert wird, die Milchproduktion aber dennoch weitergeht. Dadurch bilden sich Verhärtungen in der Brust, die im schlimmsten Fall zu einer schmerzhaften Brustentzündung führen. Aber die betroffenen Mütter klatschen sich einfach Quarkwickel auf die schmerzende Brust und genießen den leicht säuerlichen Geruch, der von trocknendem Magerquark ausgeht. Kommentarlos waschen sie sich die gelb gewordenen Überreste vom Busen und Quarkwickeln erneut. Bis die Entzündung abgeklungen und das Wehgeschrei verebbt ist.
Lanolin ist kein naturbelassener, ökologisch wertvoller Bodenbelag für Spiel- und Wohnzimmer, sondern das aus den Talgdrüsen der Schafwolle gewonnene Wollwachs und hilft bei wunden Brustwarzen. Es kann unbedenklich tonnenweise auf die Brustwarze geschmiert werden.
Stillende kennen meistens nicht die Uhrzeit, aber sie wissen, wie viel Zeit nach dem letzten Anlegen vergangen ist, und sie wissen ziemlich genau, wie lange das satte Baby schon schläft. Denn in dieser Zeit wurde mit trüben Augen und leerem Magen in Windeseile schmutzige Wäsche in die Waschmaschine gestopft, nasse Wäsche aufgehängt, trockene Wäsche zusammengelegt, zusammengelegte Wäsche zum Einräumen durchs Haus geschleppt. Auch die vollen Windeleimer werden aus Luftschutzgründen in Innenräumen aus der empfindlichen Geruchszone gebracht. Jegliche schriftliche und mündliche Korrespondenz wie der beziehungspflegende Small Talk mit der lärmempfindlichen Nachbarin sowie das sicherlich freundschaftserhaltende Telefonat mit der kinderlosen Freundin aus dem ersten Leben wird morgen auf dem inneren Kalender stehen, danach erledigt oder auf den Zeitraum der Pubertät des Kindes verschoben, bevor die Enkelkinder die junge Großmutter daran hindern, auch nur einen Satz zu Ende zu sprechen. Mütter brauchen keine Uhr, sie wissen auch so, dass sie keine Zeit zum Sprechen, Schlafen und Schlemmen haben.
Mütter wissen, dass die Babynahrung, die dem Nachwuchs vom eigenen Körper kredenzt wird, schon die lecker-warme Temperatur zum zügigen Verzehr hat und auch schneller ausgepackt ist als Fläschchen, vaporisierter Sauger und antiallergenes Milchpulver. Immer und überall. Ein geübter Griff genügt, das Würmchen hängt am Zapfhahn, und schon können Sie sich auf die Blicke der vorbeilaufenden Parkbesucher konzentrieren: Allein laufende Männer erkennen spätestens auf den zweiten Blick, was da von der Brust der kessen Stadtwaldschönheit herunterhängt, um dann geläutert und demonstrativ und so schnell wie möglich die Fauna in der entgegengesetzten Richtung zu bewundern. Kinder gucken sich das eher mal genauer an und konfrontieren ihre Erziehungsberechtigten mit neugierigen Fragen nach dem, „Wieso, Weshalb, Warum und vor allem: Woher“, und Mütter sind beim Anblick einer Stillenden in der Öffentlichkeit eher unempfindlich, sie haben das ja entweder schon hinter sich oder sie setzen sich daneben, packen ihr Baby aus, docken an und gründen eine Stillgruppe.
Stillende wissen, dass nur der weibliche Teil der Eltern das Privileg des Stillens hat, aber leider haben die wissensdurstigen älteren Geschwisterkinder davon keine Ahnung. Aber durch Fragen wird man schlau, und so entsteht eine heitere Diskussion über sekundäre Geschlechtsmerkmale und Männer mit Brüsten, die in einer Einführung vom Australopithecus bis zum Homo sapiens sapiens endet. Wird der Vater gefragt, endet der Kurzdialog häufig in der Auskunft: „Schau in dein Bilderbuch. Du weißt doch, dieses Buch, auf dem vorne die Frau drauf ist, die mit dem runtergeschluckten Fußball.“ Oder er endet bei über sechsjährigen Kindern in der Frage: „Was lernt ihr eigentlich in der Schule?“
Stillende denken, es sei überlebenswichtig für Mutter und Kind, das Vorgeburtsgewicht zu halten. Nach oder während des Absaugvorgangs neigen sie dazu, sich die durch Geburt verlorene Kalorienmenge mittels hochenergetischer Schokoriegel, gehaltvoller selbstgebackener Kuchen, hochdosiert aufgetragener Brotaufstriche oder ohne „light“-Aufschrift verwendeter Salatmayonnaisen für die dreimal wöchentliche zum Müttertreff hergestellten Nudelsalate wieder zuzuführen. Erst nach Ablauf der „die Mutter hormonbedingt verhaltensverändernden 24 ersten Lebensmonate des Kleinkindes“ erinnert sie sich dunkel an die Reihenfolge der zwei Ziffern auf dem Display der Waage, die sie vor der Schwangerschaft benutzt hatte. Zeigte es damals wirklich 84 kg oder waren es 48? Na, die Waage damals war ja kaputt und durch diese neue ersetzt worden. Aber woher der Zahlendreher?
Stillende wissen, dass sie den überdimensionalen Busen nicht vermissen werden, ihre Männer schon.
Artikel entnommen aus
Mamas wissen mehr
Das schräge Fachwissen der Mütter
Verfasser:
12,5 x 20,0 cm
160 Seiten - 22 s/w-Abbildungen
EUR: 17,95 CHF: 31,50
ISBN: 978-3-8000-7455-6
Dieses Buch ist eine Hommage an die wahren Alphatiere der Gesellschaft. Die Autorin gestattet sich hier auf einfühlsame, ungeschminkte und knallharte Weise zu erörtern, welch wunderbares Wesen durch die Geburt eines Kindes entsteht. Nein, nicht das Kind. Die MUTTER. Kaum eine größere Wandlung macht die Frau im Laufe ihres Lebens durch, als wenn sie zur Brutpflegerin wird. Eine Trockenfutterkonsumentin wird zur Köchin, eine meinungslose Couchdellenverursacherin wird zum gefragten Internetratgeber in einschlägigen Foren und eine Hauptschulabgängerin kann plötzlich ihr Abitur nachholen. Denn: Mamas wissen mehr.